Biologische Vielfalt ist leichter zu verstehen, wenn du nicht mit dem Auswendiglernen von Definitionen beginnst. Betrachte stattdessen einen konkreten Ort: Reispflanzen am Rand eines Wasserlaufs. Dort kannst du Unterschiede innerhalb einer Art, die gemeinsam vorkommenden Arten und die Bedingungen ihres Lebensraums untersuchen.
Stell dir mehrere Reispflanzen vor. Einige wachsen höher, ihre Körner unterscheiden sich in der Farbe oder sie werden zu verschiedenen Zeiten reif. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie zu unterschiedlichen Arten gehören. Möglicherweise siehst du genetische Unterschiede innerhalb einer Gruppe von Kulturreis.
Weite nun den Blick. Rund um den Reis findest du vielleicht Pilze, kleine Fische, Frösche, Wasserinsekten und andere Pflanzen. Jetzt geht es nicht mehr nur um Unterschiede innerhalb einer Art, sondern um die verschiedenen Arten, die gemeinsam vorkommen. Beziehst du außerdem den nassen Boden, die Wasserströmung, das Licht und die Versteckmöglichkeiten ein, betrachtest du das Ökosystem.
Biodiversität bezeichnet die Vielfalt der Lebewesen. Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt umfasst damit Unterschiede innerhalb von Arten, zwischen Arten und zwischen Ökosystemen. Die vollständige Definition findest du im Übereinkommen über die biologische Vielfalt.
Einen ergänzenden Überblick über genetische Vielfalt, Artenvielfalt und Ökosystemvielfalt bietet OpenStax Biology 2e.
Ein Gen ist ein DNA-Abschnitt, der zu einem Merkmal wie Pflanzenhöhe oder Kornfarbe beitragen kann. Sichtbare Merkmale können durch genetische Unterschiede, Umweltbedingungen oder beides beeinflusst werden. In der Biologie gibt es mehrere Artkonzepte. Nach dem häufig verwendeten biologischen Artkonzept können sich Mitglieder einer sexuell fortpflanzenden Art in der Regel miteinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen hervorbringen. Ein Ökosystem ist eine Gemeinschaft von Organismen, die mit ihrer unbelebten Umwelt als funktionelle Einheit zusammenwirkt.
Wählst du die falsche Ebene, wird auch die Schlussfolgerung ungenau. Verschiedene Wuchshöhen bei Reis sind nicht automatisch ein Beispiel für Ökosystemvielfalt. Die Unterschiede zwischen Reisfeldern, Mangroven und Korallenriffen lassen sich umgekehrt nicht allein mit genetischer Variation erklären.
Kurz geprüft: Gene beantworten „Warum unterscheiden sich Mitglieder einer Art?“, Arten beantworten „Welche Arten kommen vor und in welchem Mengenverhältnis?“ und Ökosysteme beantworten „Welche Umwelt und welche Beziehungen ermöglichen dieses Zusammenleben?“
Ebene
Leitfrage
Beispiel
Diesen Fehler vermeiden
Gene
Warum sind Individuen einer Art nicht genau gleich?
Reissorten unterscheiden sich in Höhe, Reifezeit oder Kornfarbe
Unterschiede innerhalb einer Art für verschiedene Arten halten
Arten
Welche Arten leben dort, und wie gleichmäßig verteilen sich die Individuen auf sie?
Reis, kleine Fische, Frösche, Pilze und Wasserinsekten
Arten zählen, aber ihre relative Häufigkeit übersehen
Ökosysteme
Welche Lebensräume und Umweltbeziehungen unterscheiden sich?
Reisfelder, Flüsse, Mangroven und Korallenriffe
Unterschiede zwischen Orten nur mit einem einzelnen Organismus erklären
Genetische Vielfalt zeigt sich, wenn Organismen derselben Art oder Population nicht genau dieselben erblichen Varianten tragen. Reissorten können sich etwa in Wuchshöhe, Reifezeit, Kornfarbe oder Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltbedingungen unterscheiden. Genetische Varianten und ihre Kombinationen können zu diesen Merkmalen beitragen, häufig gemeinsam mit den Wachstumsbedingungen.
Denke an ein Grundrezept, dessen schriftliche Anleitung sich an einigen Stellen unterscheidet. Diese Unterschiede können das Ergebnis verändern, doch auch Ofen, Zutaten und Zubereitung spielen eine Rolle. Ebenso kann genetische Information ein Merkmal beeinflussen, ohne getrennt von der Umwelt zu wirken.
Genetische Variation ist wichtig, weil sie das Ausgangsmaterial für Anpassung liefert. Ändert sich die Umwelt, ist bei einer vielfältigeren Population die Wahrscheinlichkeit größer, dass einige Individuen mit den neuen Bedingungen zurechtkommen.
Sobald die Unterschiede innerhalb einer Art klar sind, wird der Blick weiter. Nun vergleichst du nicht mehr nur eine Reispflanze mit einer anderen. Du fragst, welche Arten zusammenleben und welche Umwelt dieses Zusammenleben ermöglicht.
Artenvielfalt berücksichtigt sowohl die Zahl der Arten an einem Ort, den Artenreichtum, als auch ihre relative Häufigkeit oder Gleichverteilung. An einem nassen Feld- oder Gartenrand kann Reis gemeinsam mit Pilzen, kleinen Fischen, Fröschen, Wasserinsekten und mikroskopisch kleinen Organismen leben. Ein Standort, an dem fast alle Beobachtungen auf eine einzige Art entfallen, ist anders aufgebaut als ein Standort mit gleichmäßigerer Verteilung, selbst wenn beide gleich viele Arten enthalten. Jede Art hat außerdem eigene Merkmale und eine ökologische Rolle. Reis erzeugt durch Fotosynthese organisches Material, Pilze wirken an der Zersetzung mit und Fische sowie Frösche sind Teil des Nahrungsnetzes. OpenStax erläutert den Unterschied zwischen Artenreichtum und relativer Häufigkeit.
Die Ökosystemvielfalt betrachtet eine noch größere Ebene. Reisfelder, Flüsse, tropische Regenwälder, Mangroven, Savannen und Korallenriffe bieten unterschiedliche Bedingungen. Licht, Wasser, Salzgehalt, Boden, Temperatur und die Beziehungen zwischen Organismen bestimmen, welche Lebewesen dort überleben können.
Indonesien ist dafür ein anschauliches Beispiel: Das große Tropenland besitzt viele verschiedene Lebensräume. Ein großer Teil Westindonesiens liegt auf dem Sundaschelf und weist starke asiatische biogeografische Bezüge auf, während Papua auf dem Sahulschelf starke australasiatische Bezüge zeigt. Dazwischen liegt Wallacea als komplexe Übergangszone. Ihre Grenzen gelten nicht für jede Organismengruppe gleichermaßen. Deshalb vergleichen Biologinnen und Biologen die Verbreitung bestimmter Taxa, anstatt alle Muster auf eine einzige Linie zu zwingen. Eine wissenschaftliche Übersicht zur Wallace-Linie und den angrenzenden Übergangszonen erklärt die Geschichte und die Grenzen dieser Einteilung. Diese Vielfalt ist mehr als eine Liste von Artnamen. Sie entstand durch Umweltbedingungen, Erdgeschichte, Ausbreitung, Evolution und langfristige biologische Wechselwirkungen.
In der Feldforschung helfen Biodiversitätsdaten dabei, tatsächlich nachgewiesene Organismen einem Ort zuzuordnen. Die GBIF-Dokumentation beschreibt primäre Biodiversitätsdaten aus Museen, wissenschaftlichen Sammlungen, DNA-Barcodes, kurzen DNA-Markern und Feldfotos. Aussagen über „Arten in einer Region“ lassen sich so mit Angaben zu Fundort, Zeitpunkt und Identität des Organismus belegen.
Wenn du die Natur beobachtest, beschreibe nicht vorschnell alles als „viele Arten“. Bestimme zuerst die Betrachtungsebene. Vergleichst du unterschiedliche Merkmale innerhalb einer Art, untersuchst du genetische Vielfalt. Vergleichst du verschiedene Arten, geht es um Artenvielfalt. Vergleichst du Lebensräume und Umweltbeziehungen, untersuchst du Ökosystemvielfalt.
Diese Einteilung macht Beobachtungen klarer. Ein nasser Feldrand, ein Garten oder ein Wald kann alle drei Ebenen zugleich enthalten. Entscheidend ist nicht nur, was du siehst, sondern auf welcher Ebene du es vergleichst.