Manche Ereignisse können nicht im selben Versuch gemeinsam eintreten. Bei einem einzelnen Münzwurf erscheint zum Beispiel entweder Kopf oder Zahl, niemals beides zugleich. Solche Ereignisse heißen disjunkt oder sich gegenseitig ausschließend.
Disjunkte Ereignisse können innerhalb desselben Zufallsversuchs nicht gemeinsam eintreten. Tritt eines ein, ist das andere in diesem Versuch ausgeschlossen.
Ziehst du eine Karte aus einem üblichen Kartenspiel, kann sie nicht zugleich rot und schwarz sein. Die beiden Farbereignisse sind disjunkt, weil keine Karte beide Bedingungen erfüllt.
Da disjunkte Ereignisse keine Schnittmenge haben, vereinfacht sich die Additionsregel zu:
P(A∪B)=P(A)+P(B)
Die Wahrscheinlichkeit für A oder B ist dann die Summe der beiden Einzelwahrscheinlichkeiten.
Disjunkt bedeutet nicht unabhängig. Gelten P(A)>0 und P(B)>0, macht die Information, dass A eingetreten ist, B unmöglich. Daher ist P(A∩B)=0. Unabhängigkeit würde dagegen P(A∩B)=P(A)P(B)>0 verlangen.
Ein Würfel wird einmal geworfen. Gesucht ist die Wahrscheinlichkeit für eine Primzahl oder eine Zahl größer als 4.
Lösung:
Ergebnisraum: S={1,2,3,4,5,6}
Ereignis A (Primzahl): A={2,3,5}
Ereignis B (Zahl>4): B={5,6}
Schnittmenge prüfen: A∩B={5}
Die Zahl 5 liegt in beiden Ereignissen. Sie sind also nicht disjunkt. Die ursprüngliche Frage lässt sich dennoch beantworten, allerdings muss die Überschneidung abgezogen werden:
P(A∪B)=P(A)+P(B)−P(A∩B)
P(A∪B)=63+62−61=64=32
Das nächste Beispiel zeigt, wann die kürzere Additionsregel für disjunkte Ereignisse gilt.
Disjunktes Vergleichsbeispiel:
Ereignis A (ungerade Zahl): A={1,3,5}
Ereignis C (gerade Zahl): C={2,4,6}
Schnittmenge prüfen: A∩C=∅
Da die Schnittmenge leer ist, sind die Ereignisse disjunkt.
P(A)=63=21
P(C)=63=21
P(A∪C)=P(A)+P(C)=21+21=1
Dieses Ergebnis ist sinnvoll, da beim Würfeln auf jeden Fall entweder eine ungerade oder eine gerade Zahl erscheint (alle Möglichkeiten sind abgedeckt).
Manche Ereignisse wirken auf den ersten Blick disjunkt, sind es aber tatsächlich nicht:
Beispiel 1: Würfeln
Ereignis A: Das Erhalten einer Primzahl ist {2,3,5}
Ereignis B: Das Erhalten einer ungeraden Zahl ist {1,3,5}
Häufiger Fehler: „Primzahl und ungerade Zahl sind verschiedene Begriffe, also sind die Ereignisse disjunkt.“
Tatsächlich: A∩B={3,5}=∅, also nicht disjunkt
Beispiel 2: Kartenziehen
Ereignis A: Ziehen einer roten Karte
Ereignis B: Ein Ass ziehen
Häufiger Fehler: „Farbe und Kartenwert sind verschiedene Merkmale, also sind die Ereignisse disjunkt.“
Tatsächlich: Herz-Ass und Karo-Ass sind rot und zugleich Asse, also sind die Ereignisse nicht disjunkt.
Beispiel 3: Zwei Schülerkriterien
Ereignis A: Lernende mit einer Körpergröße von >160 cm
Ereignis B: Schüler, deren Punktzahl über 80 liegt
Häufiger Fehler: „Größe und Testergebnis sind unterschiedliche Merkmale, daher schließen sich die Ereignisse gegenseitig aus.“
Tatsächlich: Eine Person kann beide Kriterien erfüllen, also sind die Ereignisse nicht disjunkt.
Prüfstrategie:
Frage: „Kann ein Ergebnis beide Kriterien erfüllen?“
Bilde die Schnittmenge der beiden Ereignisse
Ist sie nicht leer, sind die Ereignisse nicht disjunkt
Bearbeite jede Aufgabe selbst, bevor du die ausführliche Lösung liest. Schreibe beide Mengen auf und prüfe ihre Schnittmenge, bevor du die Additionsregel auswählst.
Ein Würfel wird einmal geworfen. Bestimme die Wahrscheinlichkeit für eine Zahl kleiner als 3 oder größer als 5.
Aus einem üblichen Kartenspiel wird eine Karte zufällig gezogen. Berechne die Wahrscheinlichkeit für ein Ass oder einen König.
Zwei Münzen werden geworfen. Bestimme die Wahrscheinlichkeit für genau 1-mal Zahl oder genau 2-mal Kopf.
In einer Schachtel liegen 10Kugeln mit den Nummern 1 bis 10. Eine Kugel wird zufällig gezogen. Berechne die Wahrscheinlichkeit für eine gerade Zahl oder eine ungerade Primzahl.