Manche Ereignisse können nicht im selben Versuch gemeinsam eintreten. Bei einem einzelnen Münzwurf erscheint zum Beispiel entweder Kopf oder Zahl, niemals beides zugleich. Solche Ereignisse heißen disjunkt oder sich gegenseitig ausschließend.
Disjunkte Ereignisse können innerhalb desselben Zufallsversuchs nicht gemeinsam eintreten. Tritt eines ein, ist das andere in diesem Versuch ausgeschlossen.
Ziehst du eine Karte aus einem üblichen Kartenspiel, kann sie nicht zugleich rot und schwarz sein. Die beiden Farbereignisse sind disjunkt, weil keine Karte beide Bedingungen erfüllt.
Disjunkte Ereignisse haben kein gemeinsames Ergebnis, ihr Schnitt trägt also nichts zur Summe bei. Die drei Prüfungen unten beschreiben diesen Gedanken über Ergebnisse und Wahrscheinlichkeiten.
Prüfe die Ergebnismengen vor der Rechnung. Zwei Ereignisse sind nur disjunkt, wenn ihre Schnittmenge leer ist.
Prüfung
Leere Schnittmenge
Nicht leere Schnittmenge
Kann ein Ergebnis beide Ereignisse erfüllen?
Nein
Ja
Klassifikation
Disjunkt
Nicht disjunkt
Additionsregel
P(A)+P(B)
P(A)+P(B)−P(A∩B)
Die Ereignisse "gerade Würfelzahl" und "ungerade Würfelzahl" können denselben Wurf nicht beschreiben. "Primzahl" und "ungerade Zahl" können dagegen beide einen Wurf mit 3 oder 5 beschreiben.
Die allgemeine Additionsregel zieht die Schnittmenge P(A∩B) ab. Bei disjunkten Ereignissen gilt P(A∩B)=0, sodass dieser Term entfällt:
P(A∪B)=P(A)+P(B)
Die Wahrscheinlichkeit für A oder B ist dann die Summe der beiden Einzelwahrscheinlichkeiten.
Disjunkt bedeutet nicht unabhängig. Gelten P(A)>0 und P(B)>0, macht die Information, dass A eingetreten ist, B unmöglich. Daher ist P(A∩B)=0. Unabhängigkeit würde dagegen P(A∩B)=P(A)P(B)>0 verlangen.
Das erste Beispiel enthält eine Überschneidung, die abgezogen werden muss. Die Vergleichsbeispiele nutzen anschließend disjunkte Ereignisse, vom einzelnen Würfel bis zur Summe zweier Würfel. Prüfe die Ergebnismengen, bevor du die Additionsregel auswählst.
Ein fairer Würfel wird einmal geworfen. Gesucht ist die Wahrscheinlichkeit für eine Primzahl oder eine Zahl größer als 4.
Lösung:
Ergebnisraum: S={1,2,3,4,5,6}
Ereignis A (Primzahl): A={2,3,5}
Ereignis B (Zahl>4): B={5,6}
Schnittmenge prüfen: A∩B={5}
Die Zahl 5 liegt in beiden Ereignissen. Sie sind also nicht disjunkt. Die ursprüngliche Frage lässt sich dennoch beantworten, allerdings muss die Überschneidung abgezogen werden:
P(A∪B)=P(A)+P(B)−P(A∩B)
P(A∪B)=63+62−61=64=32
Das nächste Beispiel zeigt, wann die kürzere Additionsregel für disjunkte Ereignisse gilt.
Disjunktes Vergleichsbeispiel:
Ereignis A (ungerade Zahl): A={1,3,5}
Ereignis C (gerade Zahl): C={2,4,6}
Schnittmenge prüfen: A∩C=∅
Da die Schnittmenge leer ist, sind die Ereignisse disjunkt.
P(A)=63=21
P(C)=63=21
P(A∪C)=P(A)+P(C)=21+21=1
Die ungeraden und geraden Ergebnisse decken zusammen alle sechs Würfelseiten ab. Daher hat ihre Vereinigung die Wahrscheinlichkeit 1.
Prüfe vor dem Addieren zweier Wahrscheinlichkeiten, ob die Ereignisse ein Ergebnis teilen. Die Schritte unten stellen diese Prüfung zuerst und bestätigen danach das Ergebnis. Ohne diese Prüfung wird ein gemeinsames Ergebnis doppelt gezählt.
Zwei Ereignisse sind nicht disjunkt, wenn ihre Schnittmenge mindestens ein Ergebnis enthält. Die folgenden Beispiele haben eine nicht leere Schnittmenge:
Beispiel 1: Würfeln
Ereignis A: Das Erhalten einer Primzahl ist {2,3,5}
Ereignis B: Das Erhalten einer ungeraden Zahl ist {1,3,5}
Häufiger Fehler: „Primzahl und ungerade Zahl sind verschiedene Begriffe, also sind die Ereignisse disjunkt.“
Tatsächlich: A∩B={3,5}=∅, also nicht disjunkt
Beispiel 2: Kartenziehen
Ereignis A: Ziehen einer roten Karte
Ereignis B: Ein Ass ziehen
Häufiger Fehler: „Farbe und Kartenwert sind verschiedene Merkmale, also sind die Ereignisse disjunkt.“
Tatsächlich: Herz-Ass und Karo-Ass sind rot und zugleich Asse, also sind die Ereignisse nicht disjunkt.
Beispiel 3: Zwei Schülerkriterien
Ereignis A: Lernende mit einer Körpergröße von >160 cm
Ereignis B: Schüler, deren Punktzahl über 80 liegt
Häufiger Fehler: „Größe und Testergebnis sind unterschiedliche Merkmale, daher schließen sich die Ereignisse gegenseitig aus.“
Tatsächlich: Angenommen, zur Gruppe gehört eine Person mit 170 cm Körpergröße und 90 Punkten. Diese Person gehört zu beiden Mengen. Die Ereignisse in dieser Gruppe sind daher nicht disjunkt.
Prüfstrategie:
Frage: „Kann ein Ergebnis beide Kriterien erfüllen?“
Bilde die Schnittmenge der beiden Ereignisse
Ist sie nicht leer, sind die Ereignisse nicht disjunkt
Bearbeite jede Aufgabe selbst, bevor du die ausführliche Lösung liest. Schreibe beide Mengen auf und prüfe ihre Schnittmenge, bevor du die Additionsregel auswählst.
Ein fairer Würfel wird einmal geworfen. Bestimme die Wahrscheinlichkeit für eine Zahl kleiner als 3 oder größer als 5.
Aus einem üblichen Kartenspiel wird eine Karte zufällig gezogen. Berechne die Wahrscheinlichkeit für ein Ass oder einen König.
Zwei faire Münzen werden unabhängig voneinander geworfen. Bestimme die Wahrscheinlichkeit für genau 1-mal Zahl oder genau 2-mal Kopf.
In einer Schachtel liegen 10 Kugeln mit den Nummern 1 bis 10. Eine Kugel wird zufällig gezogen. Berechne die Wahrscheinlichkeit für eine gerade Zahl oder eine ungerade Primzahl.