Ein Lineal kann so an eine glatte Kurve gelegt werden, dass es sie in der Nähe der Berührstelle nicht schneidet. Die Gerade entlang des Lineals beschreibt dort eine Tangente.
Bei den Kegelschnitten dieses Kapitels trifft eine Tangente die Kurve in einem doppelten Schnittpunkt. Eine Sekante schneidet die Kurve dagegen in zwei verschiedenen Punkten.
An der Parabel y=x2 ist der Unterschied gut zu sehen: Die Tangente hat einen doppelten Schnittpunkt, die Sekante zwei verschiedene Schnittpunkte.
Für Kegelschnitte wie Parabeln, Ellipsen und Hyperbeln gibt es je nach den uns vorliegenden Informationen mehrere Möglichkeiten, die Gleichung ihrer Tangenten zu bestimmen.
Ist der Berührpunkt bekannt, liefert die implizite Differentiation dort die Steigung. Zusammen mit der Punkt-Steigungs-Form ergibt sich daraus unmittelbar eine Punktform der Tangente.
Für einen Punkt T(x1,y1) auf einem Kegelschnitt ersetzt die entstehende Punktform jede quadrierte Koordinate durch ein Produkt mit der entsprechenden Koordinate des Berührpunkts. Lineare Terme werden symmetrisch auf den allgemeinen Punkt und den Berührpunkt verteilt. Diese Form fasst die Ableitungsrechnung zusammen, ersetzt aber nicht die Prüfung, ob T tatsächlich auf der Kurve liegt.
Wenn wir beispielsweise eine Parabel y2=4px und einen Tangentenpunkt T(x1,y1) haben, dann lautet die Tangentengleichung:
yy1=2p(x+x1)
Nehmen wir ein Beispiel der Parabel y2=8x im Punkt (2,4).
Aus der Parabel y2=8x kennen wir 4p=8 also p=2. Die Tangente am Punkt (2,4) ist:
y⋅4=2⋅2⋅(x+2)
4y=4(x+2)
y=x+2
Die Punktform gilt erst, nachdem der angegebene Punkt auf dem Kegelschnitt überprüft wurde. Sie fasst die Ableitungsrechnung in einer wiederverwendbaren algebraischen Ersetzung zusammen.
Manchmal kennen wir den Tangentenpunkt nicht, aber wir kennen die Steigung oder den Gradienten der Tangente. In solchen Fällen setzen wir die Geradengleichung mit der Steigung m in die Kegelschnittgleichung ein.
Als Beispiel bestimmen wir die Tangenten an 4x2−9y2=36, die senkrecht zu x+4y+10=0 stehen.
Zuerst bestimmen wir die gesuchte Tangentensteigung. Die Gerade x+4y+10=0 hat die Steigung mg=−41. Jede dazu senkrechte Tangente hat daher die Steigung ms=4.
Eine Gerade mit der Steigung m hat die Form y=mx+c. Wir setzen sie in die Hyperbelgleichung ein:
4x2−9(4x+c)2=36
4x2−9(16x2+8cx+c2)=36
−140x2−72cx−9c2−36=0
Für eine Tangente muss die Diskriminante Null sein:
D=(−72c)2−4(−140)(−9c2−36)=0
5184c2−5040c2−20160=0
144c2=20160
c=±235
Damit lauten die beiden Tangenten y=4x+235 und y=4x−235.
Je nach Kegelschnitt und Lage des Punktes können durch einen gegebenen Punkt null, eine oder zwei reelle Tangenten verlaufen. Im folgenden Beispiel sind es zwei. Die Konstruktion von einem Punkt außerhalb eines Kreises ist ein vertrauter Spezialfall.
Nehmen wir zum Beispiel die Parabel y2=8x mit dem Punkt A(2,5). Von Punkt A aus können wir zwei verschiedene Tangenten an die Parabel zeichnen.
Für einen äußeren Punkt liefert die Polare die Berührsehne, also die Verbindung der beiden Berührpunkte. Sie ist nicht selbst eine der Tangenten. Für y2=8x und A(2,5) lautet die Polare:
yy1=4(x+x1)
Wir setzen x1=2 und y1=5 ein:
5y=4(x+2)
5y=4x+8
y=54x+8
Jetzt setzen wir in die Parabelgleichung ein, um die Tangentenpunkte zu finden:
(54x+8)2=8x
2516x2+64x+64=8x
16x2+64x+64=200x
16x2−136x+64=0
2x2−17x+8=0
Mit der quadratischen Formel erhalten wir x1=21 und x2=8. Die Berührpunkte sind (21,2) und (8,8). Die Geraden von diesen Punkten zu A(2,5) sind die beiden Tangenten y=2x+1 und y=21x+4.
Die Tabelle fasst die in diesem Kapitel verwendeten Punktformen der Tangentengleichungen zusammen.
Kegelschnitt
Tangentengleichung
y2=4px
yy1=2p(x+x1)
x2=4py
xx1=2p(y+y1)
(x−h)2=4p(y−k)
(x−h)(x1−h)=2p((y−k)+(y1−k))
(y−k)2=4p(x−h)
(y−k)(y1−k)=2p((x−h)+(x1−h))
a2x2+b2y2=1
a2x2−b2y2=1
a2y2−b2x2=1
a2(x−h)2+b2(y−k)2=1
a2(x−h)2−b2(y−k)2=1
a2(y−k)2−b2(x−h)2=1
Diese Formeln sind die ableitungsbasierten Punktformen für häufige Standardkegelschnitte. Prüfe zuerst, ob der angegebene Berührpunkt tatsächlich auf dem Kegelschnitt liegt.