Der Erwartungswert ist der mit Wahrscheinlichkeiten gewichtete Mittelwert einer Zufallsvariablen. Er beschreibt auch den langfristigen Durchschnitt vieler unabhängiger Beobachtungen. Im Allgemeinen muss er nicht mit dem häufigsten Wert übereinstimmen. Bei einer Normalverteilung liegen Mittelwert, Median, Modus und Erwartungswert jedoch im selben Zentrum.
Aus dieser Symmetrie folgt eine einfache Regel für den Erwartungswert.
Gilt X∼N(μ,σ2) mit σ>0, dann entspricht der Erwartungswert dem Mittelwertparameter μ.
Mathematisch können wir schreiben:
E(X)=μ
Dabei ist X eine Zufallsvariable, die der Normalverteilung folgt, und μ der Mittelwertparameter dieser Verteilung.
Der Erwartungswert einer stetigen Zufallsvariablen ist definiert als:
E(X)=∫−∞∞x⋅f(x)dx
Für eine Normalverteilung mit σ>0 lautet die Wahrscheinlichkeitsdichtefunktion:
f(x)=σ2π1e−21(σx−μ)2
Wir setzen diese Funktion in die Erwartungswertformel ein:
E(X)=∫−∞∞x⋅σ2π1e−21(σx−μ)2dx
Nun verwenden wir die Substitution t=σx−μ. Dann gilt x=σt+μ und dx=σdt.
E(X)=∫−∞∞(σt+μ)⋅σ2π1e−21t2⋅σdt
E(X)=2π1∫−∞∞(σt+μ)e−21t2dt
E(X)=2πσ∫−∞∞te−21t2dt+2πμ∫−∞∞e−21t2dt
Für die beiden Integrale gilt:
Erstes Integral:∫−∞∞te−21t2dt=0, weil g(t)=te−21t2 ungerade ist. Aus g(−t)=−g(t) folgt, dass sich die vorzeichenbehafteten Flächen über dem symmetrischen Intervall (−∞,∞) aufheben.
Zweites Integral:∫−∞∞e−21t2dt=2π ist das Gaußsche Integral. Multipliziert mit dem Normierungsfaktor ergibt es die Gesamtwahrscheinlichkeit der Standardnormaldichte.
Deshalb:
E(X)=2πσ⋅0+2πμ⋅2π
E(X)=0+μ=μ
Damit ist gezeigt, dass der Erwartungswert einer normalverteilten Zufallsvariablen ihrem Mittelwertparameter entspricht.
Für jede Normalverteilung X∼N(μ,σ2) gilt E(X)=μ. Das bedeutet, dass wir nicht jedes Mal eine Integration durchführen müssen, wenn wir den Erwartungswert einer Normalverteilung berechnen; wir verwenden einfach den Parameterwert μ.
Das Ergebnis hat eine direkte statistische Bedeutung:
Für eine normalverteilte Zufallsvariable mit Mittelwert μ und Standardabweichung σ ist der Erwartungswert genau μ. Bei vielen unabhängigen Beobachtungen aus dieser Verteilung nähert sich der Stichprobenmittelwert nach dem Gesetz der großen Zahlen dem Wert μ.
Beispiel:
Wenn die Körpergröße der Schüler Ihrer Schule normalverteilt ist und der Mittelwert 165 cm beträgt, beträgt der erwartete Wert der Körpergröße eines zufällig ausgewählten Schülers 165 cm.
Angenommen, die Ergebnisse einer Mathematikprüfung werden durch eine Normalverteilung mit dem Mittelwert μ=75 und der Standardabweichung σ=10 modelliert. Wie hoch ist der Erwartungswert der Punktzahl eines zufällig ausgewählten Schülers?
Lösung:
Da für die Normalverteilung E(X)=μ gilt, beträgt der Erwartungswert der Prüfungspunktzahl:
E(X)=75
Der Erwartungswert der Prüfungspunktzahl beträgt daher 75.
Beispiel2
Angenommen, die Gewichte von Neugeborenen in einem Krankenhaus werden durch eine Normalverteilung mit dem Mittelwert 3.200Gramm und der Standardabweichung 400Gramm modelliert. Bestimme das erwartete Gewicht eines zufällig ausgewählten Neugeborenen.
Lösung:
Gegeben seien μ=3.200Gramm und σ=400Gramm.
Das erwartete Gewicht entspricht dem Mittelwertparameter:
Die Fahrzeit von zu Hause zur Schule wird durch eine Normalverteilung mit dem Mittelwert 25Minuten und der Standardabweichung 5Minuten modelliert. Bestimme die erwartete Fahrzeit.
Die tägliche Lufttemperatur in Jakarta im Juni wird durch eine Normalverteilung mit dem Mittelwert 28∘C und der Standardabweichung 3∘C modelliert. Wie hoch ist die erwartete Temperatur an einem zufällig ausgewählten Tag?
Die Physikprüfungsergebnisse der Jahrgangsstufe 12 werden durch eine Normalverteilung mit dem Mittelwert 78 und der Standardabweichung 12 modelliert. Wie hoch ist der Erwartungswert für einen zufällig ausgewählten Schüler?